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Wie Banales Blinden den Alltag erleichtert

VON RAPHAELA WEBER

MÖSSINGEN. Wenn Hartmut Gerst die Bahnhofstraße entlanggeht, muss er darauf vertrauen, dass Autofahrer beim Abbiegen in eine der Seitenstraßen oder beim Herausfahren Rücksicht auf ihn nehmen. Denn mangels Markierung ist zum Beispiel die Goethestraße für ihn nicht als Querstraße zu erkennen. »Die Autofahrer müssen sich aufs Abbiegen konzentrieren, wenn dann noch jemand mit dem Langstock daherkommt, geht es hart auf hart«, sagt Hartmut Gerst, der seit seiner Geburt blind ist. »Dabei wäre es ganz leicht, dies mit wenigen Mitteln zu ändern, etwa mit einem Querriegel aus Pflasterstein. Den könnte ich dann mit meinem Langstock ertasten.«

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Auf die Rücksicht der Autofahrer angewiesen Hartmut Gerst beim Überqueren der Einfahrt zur Goethestraße. FOTO WEBER

Vor zwei Jahren zog der Rottenburger nach Bästenhardt, weil ihm der Weg für tägliche Besorgungen in seiner alten Heimat zu beschwerlich wurde. Er musste dafür bergauf gehen, mit den Herzbeschwerden, die Hartmut Gerst seit 2007 hat, wurde das zum Problem. »Mössingen ist optimal für mich, weil es eben ist. Hier kann ich alles, was ich zu erledigen habe, größtenteils selbständig erledigen.« Einkaufen gehört dazu oder per Zug nach Tübingen fahren, wo er den offenen Treff für die Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenhilfe, ABSH, organisiert. Für diesen Verein leitet er ehrenamtlich die Regionalgruppe Neckar-Alb und engagiert sich im Vorstand.

Bogenschießen als Ausgleich

Der offene Treff kommt gut an, es sind immer um die zwanzig Interessierte, die sich im »Neckarmüller« einfinden. Hartmut Gerst freut sich darüber: »Ich bin baff erstaunt, wie viele es jedes Mal sind.« Noch findet der Treff alle zwei Monate statt. »Wenn Interesse besteht, können wir das auch öfter machen. Jederzeit.« Es werden dabei Vorträge von Experten gehalten, etwa zum Schwerbehindertenrecht.

Wichtig sind daneben der Austausch untereinander und die Geselligkeit. Außerdem ist geplant, über die Regionalgruppe Neckar-Alb eine Bogensportgruppe zu gründen, voraussichtlich in Mössingen. »Wer sich dafür interessiert, kann sich gerne bei mir melden. Vorkenntnisse braucht man nicht, wir fangen bei null an.«

Hartmut Gerst hat bis vor zwei Jahren selber mit dem Bogen geschossen. Wie macht das ein blinder oder stark sehbehinderter Mensch? »Man stellt die Leute an eine Markierung, damit sie die Fluchtrichtung haben. Am Anfang werden sie wahrscheinlich nicht treffen, aber mit Übung, wenn die ersten Einschläge zu hören sind, kommt der Erfolg.« Für Gerst ist es nicht nur das Treffen der Scheibe, das zählt. Es ist auch das Mentale. »Man kommt total runter, es ist der perfekte Ausgleich und total entspannend. Das ist auch wichtig für meine Herzgeschichte.« Jeder kann in dieser Bogensportgruppe mitmachen, ob mit oder ohne Behinderung. »Eine gemischte Gruppe wäre toll.«

Für die ABSH ist Hartmut Gerst Beauftragter für Barrierefreiheit, Umwelt und Verkehr. In den umliegenden Städten ist der sehr mobile und engagierte 54-Jährige als Ampeltester unterwegs und hat ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. »In Tübingen sind die Ampeln für Blinde eine Katastrophe. Sie funktionieren nicht, wie sie sollen.« Ganz anders dagegen in Reutlingen. »Hier ist es optimal, es gibt viele perfekt funktionierende Blindenampeln.«

Wenn Hartmut Gerst unterwegs ist, wird er von Lina, einer russischen Jagdhündin begleitet. Bei großer Hitze bleibt die Blindenhündin daheim. »Die verträgt sie nicht so gut.«

Und welche Wünsche hat Hartmut Gerst an die Stadt Mössingen? »Dass die Stellen, wo sich Fußgänger und Autofahrer begegnen, übersichtlicher gestaltet werden. Ich habe den Eindruck, viele Autofahrer wissen an einer Furt nicht, ob sie halten müssen oder nicht. Für mich ist das natürlich sehr gefährlich.« Manchmal sind es ganz banale Dinge, die seinen Alltag erleichtern. Etwa die Lupen, mit denen ein Drogeriemarkt seine neuen Einkaufswagen ausgestattet hat. »Das ist eine nette Geste für Menschen mit Handicap und Senioren. Und wenn mich Menschen auf der Straße fragen, ob sie mir helfen können, freut mich das sehr.« (GEA)

Offener Treff

Am Freitag, 6. Juli, ist in Tübingen im Gasthaus »Neckarmüller« ab 15 Uhr der nächste offene Treff. Für diesen Tag ist ein Vortrag über Mobilitätstraining geplant, Referent ist der Mobilitätstrainer Horst Macho.

Weitere Informationen, auch über den Verein Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenhilfe, gibt es über das Internet. (raw) gerst-moessingen(at)gmx.de

 
 
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