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Folgender Artikel erschien am 16.11.2016 bei der Schwaebische

Schwaebische | 16. November 2016


Blinde Köche ertasten Zutaten

Die Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenhilfe bietet einen Kochkurs an

Jörg, Jürgen, Harald, Daniel und Alfred (v.l.) trocknen das Fischfilet. (Foto

Gosheim sz Was und wie können Blinde kochen? Wie es ist, blind zu sein oder nur noch zwei Prozent Sehstärke zu haben, kann sich ein Sehender fast nicht vorstellen. Und doch zauberten die Blinden am Samstag ein fantastisches Menü mit Gemüseauflauf, Forellenfilet mit Reibekuchen, Pilzgemüse und eine russische Fischsoljanka. Und als Dessert Obst-Smoothies.

Auf Einladung der Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenhilfe (ABSH) Dotternhausen trafen sich über zehn Sehbehinderte aus einem weiten Umfeld in der Lembergschule in Gosheim zum Kochkurs. Regionalleiter Harald Frase, selbst Betroffener, der die Männergruppe beim Kochen leitete, sieht in diesem erstmaligen Kurs die Möglichkeit, den Sehbehinderten die Hemmung vor dem Kochen zu nehmen. „Die meisten der Anwesenden leiden unter Makula-Degeneration im fortgeschrittenen Stadium oder haben einen Tunnelblick, einige sind sogar Geburtsblinde“, stellt er den Teilnehmerkreis vor.

Inzwischen hat er zusammen mit Alfred Weggel, Wehingen, dem Leiter der Kreisgruppe Schwarzwald-Heuberg mit noch vier Prozent Sehkraft, alle für das Menü notwendigen Zutaten auf einem Tisch zusammengestellt. Einige der Anwesenden tasten nach den Kohlrabis, Karotten, Pilze, Kartoffeln oder den Gewürzen. Mit dem „Einkaufsfuchs“ wurde alles vorher selbst eingekauft. Einige „sprechende Hilfsmittel“ wie Waage, Wärmefühler, Messbecher, Uhren, Temperaturmesser oder Flüssigkeitsanzeiger stehen parat.

Maria nimmt die weiblichen Köche unter ihre Fittiche. Maria ist trotz ihrer Sehschwäche von nur noch drei Prozent Hauswirtschaftsleiterin in einer Kindertagesstätte mit 90 Kindern. Ihre Devise lautet: „Blindheit oder Sehbehinderung sind keine Ausschlusskriterien vom normalen Leben. Ich mache meinen Job wie jeder andere und mache zusätzlich selbstständig meinen Haushalt mit Mann und zwei Kindern.“ Schon gibt sie ihre „Befehle“ weiter: „Juliana kannst du diese Sellerie schneiden? Rita nimm dich der Kartoffeln an, bitte nach dem Schälen kleine Würfel schneiden.“ Ohne Schwierigkeiten werden die Arbeiten ausgeführt. Mit den Fingern wird das Gemüse abgetastet und jedes noch so kleine Stück Schale festgestellt. „Wir ertasten alles, wodurch dieser Sinn sehr stark ausgeprägt wird“, erklärt Rita.

Rita prägte auch den Satz „Wir führen ein normales Leben, wir haben es nur in den Augen. Man braucht sich nicht zu verstecken. Alles ist nur eine Übungssache.“

Inzwischen hat Isabella den markierten Ofen angemacht, um das Gemüse zu schmoren. „Ich erkenne am Ton des Brutzelns, ob alles seine Richtigkeit hat und nicht anbrennt.“ Auf einmal ein Schrei: „Jetzt ist das Gemüse schwarz!“ Alle lachen. „Das kann nicht sein, es stinkt ja nicht.“ Isabella ist auch die Einzige der Gruppe, die einen Blindenhund führt.

Bei der Männergruppe merkt Chefkoch Frase bald, dass diese weniger am Küchenherd stehen und verhältnismäßig wenig Ahnung haben. Doch der ehemalige Metzger Jörg kann Zwiebeln schneiden, dass es eine Wonne ist, ihm zuzuschauen. Daneben zeigt Maria einen Trick, wie man Knoblauch schält, ohne ihn in den Händen zu halten.

Mit dem Reiben der Kartoffeln hat Jürgen allerdings etwas Schwierigkeiten, so dass Maria und Rita beim

Teigrühren und Braten des Reibekuchens helfen. Bereits der erste wurde etwas schwarz. „Macht nichts, man

sieht es ja nicht“, lacht Maria.

Der Kochkurs hat den Teilnehmern nicht nur einige Tricks und Kniffe im Umgang mit den Lebensmitteln gezeigt, sondern es bildete sich eine Gemeinschaft mit Frohsinn und vielem Humor. Dies kam insbesondere beim Essen des leckeren Menüs zutage. Am Samstagabend gingen die Köche dann Kegeln. Und am Sonntag kochte man ein Festessen mit Rindsrouladen, Blaukraut und Kartoffeln.

 
 
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