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Folgender Artikel wurde im Zollernalbkurier am 11.04.2015 veröffentlicht

Zollern-Alb-Kurier | 11. April 2015

Kegeln mit viel Gefühl

Blinde und Sehbehinderte benutzen beim Sport ihre anderen Sinne

Christina Blocher aus Engstlatt (Mitte) sieht nicht, wohin sie ihre Kugel spielt. Damit sie die Kegel trotzdem trifft, orientiert sie sich an der Beschaffenheit des Bodens. Der Sehende Jochen Rudiger und seine stark sehbehinderte Tochter Nadine schauen dabei zu.

Christina Blocher aus Engstlatt (Mitte) sieht nicht, wohin sie ihre Kugel spielt. Damit sie die Kegel trotzdem trifft, orientiert sie sich an der Beschaffenheit des Bodens. Der Sehende Jochen Rudiger und seine stark sehbehinderte Tochter Nadine schauen dabei zu.

Geht nicht? Gibt's nicht! Von ihrer Sehbehinderung lassen sich die Mitglieder des Blindenvereins, die sich kürzlich in Frommern zum Kegeln trafen, keineswegs den Spaß am Sport verderben.

BENNO SCHLAGENHAUF


Balingen. Die Kugel rauscht schwungvoll über die Kegelbahn und trifft mit einem Poltern auf die Kegel, welche klappernd zu Boden fallen. „Das hat sich nach einem guten Wurf angehört“, sagt Christina Blocher. Wie viele Kegel genau umgefallen sind, weiß sie nicht. Sie ist vollkommen blind – und kegelt trotzdem mit großem Vergnügen.

Es ist das erste Mal, dass sich die Kreisgruppe der Allgemeinen Blinden und Sehbehindertenhilfe (ABSH) in Frommern zum Kegeln trifft. Ehe es losgeht, begrüßt der Dotternhausener Harald Eigler von der ABSH die Gruppe, die bunt gemischt ist: Blinde, Menschen mit starker Sehbehinderung und auch Sehende.

Zu Beginn erklärt Eigler die Spielregeln: Wer am Ende des Tages am wenigsten Kegel getroffen hat, den erwartet eine „drakonische“ Geldstrafe von 50 Cent für die Vereinskasse.„Dasind wir froh, dass wir heute zwei Vollblinde dabei haben“, meint der stark sehbehinderte Eigler ironisch.

Doch die beiden Vollblinden Christina Blocher aus Engstlatt und Kurt Bayha aus Oberriexingen sind innerhalb der Gruppe eine ernstzunehmende Konkurrenz. Nachdem Kurt Bayha zunächst nur die Bande traf, läuft es mit jedem Wurf besser: „Ich habe die Kugel zuerst beidhändig zwischen den Beinen durchgeschwungen – das lief nicht so gut.“ Nachdem Bayha zur einhändigen Wurftechnik wechselte, fielen auch mehr Kegel. Vieles läuft beim Blindenkegeln nach Gefühl und Erinnerung, Bayha versucht die Bewegungsabläufe, die er aus der Zeit vor seiner Erblindung kennt, anzuwenden. „Außerdem spiele ich nach Gehör. Noch besser ginge das, wenn mir ein Piepser bei den Kegeln die Richtung zeigen würde, in die ich spielen muss.“ So geben ihm sehende oder sehbehinderte Kegler die Richtung für den Wurf vor. Dass Bayha zum ersten Mal in der Gruppe dabei ist und über das Internet auf das Kegeltreffen gestoßen ist, macht dabei gar nichts aus: „Es macht in der Gruppe hier großen Spaß.“

Auch Christina Blocher trifft gut. Schon zu Beginn fallen bei fast jedem Wurf einige Kegel um. „Ich bin echt überrascht, dass es bei mir so gut läuft, ich hätte eher gedacht, dass ich nur Banden treffe“, meint die Engstlatterin. Beim Kegeln zielt sie vollkommen eigenständig und verwendet eine ganz eigene Technik: Bevor sie die Kugel wirft, tastet sie sich am Boden vor der Kegelbahn entlang: „Es gibt zwei geriffelte Streifen an den Seiten und einen glatten in der Mitte – so finde ich heraus, in welche Richtung ich spielen muss.“ Für die Engstlatterin, die nach einem Unfall erblindete, ist es nicht das erste Mal, dass sie blind kegelt: „In der Reha habe ich das schon einmal gemacht, da gab es am Boden auch Leitlinien. Die Erfahrung konnte ich dann hier auch umsetzen.“

Doch auch mit einem geringen Sehrest ist das Kegeln eine Herausforderung. „Ich sehe nur noch einen winzigen Punkt und kann so erahnen, wo die Kegel stehen und wohin ich spielen muss“, erklärt Monika Kimmich. Bei einer Strahlenbehandlung wurde der Sehnerv der Rottweilerin beschädigt: „Der Hirntumor war weg, aber damit auch mein Augenlicht.“ Es ist das erste Mal, dass sie seit ihrer Erblindung kegeln geht. „Und es macht richtig Spaß, wir sind hier ja auch ein lustiger Haufen.“ Ein großer Vorteil sei der geschützte Rahmen in der Gruppe. „Ich denke sonst hätte so mancher sicher Hemmungen.“

Geleitet wird der Kegelnachmittag von den sehenden Alois Schulz aus Frommern und Jochen Rudiger aus Vöhringen. Letzterer kam über seine stark sehbehinderte Tochter Nadine zur Gruppe, für die Harald Eigler noch eine besondere Überraschung parat hat: den Bescheid, dass die junge Frau nun Landesblindenhilfe, einen Nachteilsausgleich für Blinde, erhält. „Das ist für mich wie Weihnachten“, freut sich Nadine Rudiger, die zu Tränen gerührt ist. „Damit gewinnt man ein Stück Lebensqualität wieder.“

Bis sie den Bescheid in den Händen halten konnte, war es ein steiniger Weg: „Der Rechtsstreit hat drei Jahre gedauert, doch jetzt haben wir es endlich geschafft.“ Die anderen Gruppenmitglieder freuen sich mit, denn sie wissen aus eigener Erfahrung, welche bürokratischen Hürden an Sehbehinderte gestellt werden, bis sie Unterstützung bekommen.

Mitunter entscheidet ein halbes Prozent Sehkraft darüber, ob es Landesblindenhilfe gibt oder nicht,denngesetzlich blind ist,wer auf beiden Augen einen Sehrest von zwei Prozent oder weniger hat. Im Kampf mit den Behörden unterstützt die ABSH ihre Mitglieder: „Ohne den Verein wüsste ich gar nicht, dass es Landesblindenhilfe gibt. Der Rechtsstreit, das hat alles Harald Eigler für mich gemacht“, erzählt Nadine Rudiger. Harald Eigler erklärt: „Die Vertretung von Sehbehinderten bei der Durchsetzung berechtigter rechtlicher Interessen gehört zu unseren Hauptaufgaben. Wir haben bei den Verfahren eine Erfolgsquote von 90 Prozent, was aber auch daran liegt, dass wir die Menschen ausgiebig beraten und ihnenauchIllusionennehmen.Wir machen nur, was machbar ist und vertreten ausschließlich berechtigte Interessen. Diese Aufgaben mache ich hauptamtlich im Verein. Die Freizeitunternehmungen

sind ehrenamtlich.“

Auch diese sind wichtig: „Treffen wie das Kegeln stärken das Selbstbewusstsein, was für Blinde und Sehbehinderte unheimlich wichtig ist,dennviele isolierenund verstecken sich und ihre Behinderung.“ Der erste Schritt zur Selbsthilfe sei es, aus dieser Isolation herauszufinden.

 
 
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