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Dieser Artikel erschien am 31.01.2014 unter » Schwaebische.de.

schwaebische.de | 31. Januar 2014


Nicht klagen, sondern kämpfen

Jürgen Dreher ist fast vollständig blind – In einem Verein setzt sich der 53-Jährige für andere Betroffene ein

Von Verena Schiegl

Jürgen Dreher sitzt auf einer Bank, vor ihm sein Hund Bodo.

Mischlingshund Bobo ist der treue Begleiter von Jürgen Dreher. Obwohl der 53-Jährige auf beiden Augen nur noch ein Prozent sieht, genießt er das Leben in vollen Zügen. (Foto Peter Schlipf)

AALEN „Ob Du Krebs hast, einen Arm verlierst oder blind bist. Du musst mit Deiner Krankheit leben, sie annehmen und darfst nicht den Kopf in den Sand stecken“, sagt Jürgen Dreher. Der 53-Jährige sitzt am Esszimmertisch und trinkt Kaffee. Zu seinen Füßen liegen Mischlingshund Bobo und Kätzchen Trulla. Um Zeitung zu lesen, braucht er ein Vergrößerungsgerät. Dreher sieht auf beiden Augen gerade noch ein Prozent. Anderen sehbehinderten Menschen zu helfen, hat sich der in Tannhausen (Ostalbkreis) lebende Mann zur Aufgabe gemacht. Seit 2011 leitet er die Regionalgruppe Ostalb-Hohenlohe des Vereins Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenhilfe (ABSH), der in ganz Baden-Württemberg aktiv ist. Zuvor war er drei Jahre Bezirksgruppenleiter im Zollernalbkreis.

Wie es ist, fast blind zu sein, kann sich ein gesunder Mensch nicht vorstellen. Auch Dreher hat die Welt mal mit anderen Augen gesehen. Bevor er an einer sogenannten feuchten altersbezogenen Makula-Degeneration erkrankt ist. Bei dieser Krankheit wachsen undichte Blutgefäße aus der Aderhaut in die Netzhaut und in den Bereich der Makula. Das ist die Stelle des schärfsten Sehens. Durch die Ansammlung von Gefäßflüssigkeit oder Einblutungen kommt es zu Schwellungen in der Netzhaut, zu verzerrtem Sehen und blinden Flecken. „Man muss sich das Ganze vorstellen, wie Krampfadern, die platzen“, erklärt Dreher seine Augenerkrankung.

Spritzen ins Auge

2005 hat diese sein rechtes Auge befallen. Der damals 45-jährige umgeschulte Mechatroniker fuhr zu dieser Zeit neben seinem Beruf noch Taxi. „Der dafür erforderliche Schein muss alle fünf Jahre erneuert werden“, erzählt Dreher, der zuvor 20Jahre bei Albstadt (Zollernalbkreis) als Färber gearbeitet hat. Beim Sehtest sei dann festgestellt worden, dass etwas nicht stimmt.

Die endgültige Diagnose stellte ein Augenarzt. Drei Jahre später wurde sein linkes Auge von der Krankheit heimgesucht. „Woher sie kommt, weiß man nicht. Und sie ist nicht operabel“, sagt Dreher. Auf dem Markt gebe es jedoch Medikamente wie das für Krebserkrankungen bestimmte Mittel Avastin. Es wird mit einer dünnen Nadel in das Auge gespritzt. Dieses kann helfen, die Erkrankung zu stoppen. Zehn solcher Spritzen hat Dreher bereits über sich ergehen lassen. Seither hat sich die Krankheit nicht verschlimmert.

Seit 2011 lebt der aus Albstadt-Ebingen stammende 53-Jährige auf der Ostalb. Die Liebe hat ihn hierher geführt. Seine erste Ehe ging 2009 nach 20 Jahren in die Brüche. Mit seiner Erkrankung sei er gegenüber seiner heutigen Frau Andrea Sachs-Dreher von Anfang an offen umgegangen. Und die studierte Lehrerin, die Rektorin an einer Ellwanger Grundschule ist, stehe seither komplett hinter ihm. Seinen Beruf kann er seit 2008 nicht mehr ausüben. Langeweile kommt bei Dreher allerdings nicht auf. Er kocht, backt und schmeißt den Haushalt, geht mit Hund Bobo spazieren und kümmert sich als Regionalgruppenleiter des Vereins ABSH um seine Schützlinge.

Mit welchen Schwierigkeiten blinde oder sehbehinderte Menschen zu kämpfen haben, weiß Dreher aus eigener Erfahrung und aus Berichten von Vereinsmitgliedern. Dreher berichtet vom Spießrutenlauf bei Ämtern oder von Krankenkassen, die sich sehr oft querstellten und Hilfsmittel, auf die man einen Anspruch habe, nicht bezahlen wollten. Zwei Jahre lang habe er selbst darum gekämpft, Landesblindenhilfe zu bekommen. Diese 410 Euro im Monat stehen ihm zu. Sein Fall ging bis vors Sozialgericht in Reutlingen. Unterstützt worden sei er in seinem Bemühen von Harald Eigler. Der Diplom-Sozialarbeiter aus Dotternhausen (Zollernalbkreis), der ebenfalls blind ist, unterstützt den Verein und dessen Mitglieder in der Sozial- und Rechtsberatung und vertritt Betroffene vor Gericht. „Er kennt das Sozialgesetzbuch in- und auswendig. Er ist zwar kein Streiter, aber ein Kämpfer“, sagt Dreher. Der Verein, der auch im gesamten Verbreitungsgebiet der Schwäbischen Zeitung stark vertreten ist (siehe Kasten) organisiert für seine Mitglieder und Interessierte regelmäßig offene Treffen. Hier können sich Betroffene kennenlernen, austauschen und Fragen stellen. Zudem werden sie über ihre Rechte informiert. Bei den Treffen begegnet Dreher auch so manchem Schicksal. So erzählt er von einem Mann, der mit 18Jahren erblindet ist und aufgrund seiner Erkrankung von seiner Frau als „Krüppel“ bezeichnet wurde. Mit ihm gemeinsam habe sie sich nicht mehr auf der Straße gezeigt. Er sei ihr peinlich gewesen.

Zur Selbstständigkeit erziehen

Es gibt aber auch Angehörige, die sich aufgrund der Erkrankung eines nahestehenden Menschen Vorwürfe machen und schwer daran zu knabbern haben. „Speziell Eltern geben sich die Schuld daran, dass es gerade ihr Kind getroffen hat“, erzählt Dreher. Oftmals gingen diese dann einen falschen Weg und würden ihm alles abnehmen. „Dabei ist es wichtig, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen“, sagt Dreher, der selbst eine 17-jährige Tochter und in zweiter Ehe auch Zwillinge und zwei Enkel mitgeheiratet hat. Hilfsmittel, die Sehbehinderten das Leben erleichtern, gebe es genügend, betont der 53-Jährige und demonstriert, wie er die Schrift am Laptop vergrößern kann.

„Viele Sehbehinderte trauen sich nicht mehr aus dem Haus“, sagt Dreher. Einige von ihnen weigern sich auch, mit Blindenstock oder Blindenabzeichen in der Öffentlichkeit aufzutreten. Aus Scham und Angst vor den Blicken anderer Menschen. Drehers Mutter sei so ein Beispiel. Sie ist ebenfalls fast blind und geht ohne Begleitung nicht in ein Restaurant. „Sie scheut sich davor, zu sagen: ,Ich sehe nichts. Können Sie mir nicht sagen, was auf der Karte steht?‘“

Keine Hemmungen hat hingegen Jürgen Dreher. Er sei schon immer ein positiver Mensch gewesen und lasse sich durch seine Krankheit nicht einschränken: So geht er regelmäßig zu Spielen des VfB Stuttgart, er besucht Konzerte und trainiert im Fitnessstudio. Auch geht er gerne mit seinen Freunden aus Albstadt wandern. Dreher hat sichtlich Spaß am Leben, „denn das geht weiter und ist lebenswert – auch mit Seheinschränkung“.

Quelle: » Schwaebische.de

 
 
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